Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
unter den Akrobaten und Vögeln:
mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
wie ein Nest im Wind
auf der äußersten Spitze des Zweigs.

Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle
der sanftgescheitelten Schafe die
im Mondlicht
wie schimmernde Wolken
über die feste Erde ziehen.

Ich schließe die Augen und hülle mich ein
in das Vlies der verläßlichen Tiere.
Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren
und das Klicken des Riegels hören,
der die Stalltür am Abend schließt.

Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.
Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
Meine Hand
greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze.

– Hilde Domin –

Dem Menschen, in dem das Tao ungehindert wirken kann,
liegt nichts an seinen eigenen Interessen,
und er verachtet auch nicht die, bei denen das anders ist.

Er rackert sich nicht ab, um Geld zu verdienen,
aus der Armut macht er keine Tugend.

Er geht seinen Weg, ohne den Blick auf die anderen,
und rühmt sich nicht, ein Einzelgänger zu sein.

Er schließt sich nicht der Herde an,
klagt aber auch nicht über die, die es tun.

Verdienste und Ansehen reizen ihn nicht;
noch schrecken ihn Scham und Schande.

Er prüft nicht dauernd, was richtig und falsch ist,
er entscheidet sich einfach: „Ja“ oder „Nein“.

Daher sagen die alten Weisen:
„Der Mensch des Tao bleibt unerkannt.
Vollkommene Tugend führt zu nichts.
Das ‚Nicht-Selbst‘ ist das ‚wahre Selbst‘.
Und der größte unter den Menschen heißt Niemand.“

– Zhuangzi –

Hast Du je Kindern
auf einem Karussell zugeschaut?
Oder zugehört,
wenn der Regen auf den Boden klatscht?
Bist Du jemals dem unberechenbaren Flug
eines Schmetterlings gefolgt?
Oder hast durch die verblassende Nacht
in die Sonne geschaut?

Mach lieber langsam.
Tanze nicht so schnell.
Die Zeit ist kurz.
Die Musik wird nicht ewig weiterspielen.

Rennst Du durch jeden Tag wie im Fluge?
Wenn Du jemanden fragst:
Wie geht es Dir?
Hörst du auf die Antwort?

Wenn der Tag vorüber ist,
Liegst Du dann im Bett
Und die nächsten hundert Pflichten
Gehen Dir schon durch den Kopf?

Mach lieber langsam.
Tanze nicht so schnell.
Die Zeit ist kurz.
Die Musik wird nicht ewig weiterspielen.

Hast Du je zu Deinem Kind gesagt:
das machen wir morgen?
Und in Deiner Hast
nicht seinen Kummer gesehen?

Jemals den Kontakt verloren
und eine echte Freundschaft einschlafen lassen,
Weil Du nie die Zeit hattest,
anzurufen und Hallo zu sagen?

Mach lieber langsam.
Tanze nicht so schnell.
Die Zeit ist kurz.
Die Musik wird nicht ewig weiterspielen.

Wenn Du so schnell rennst,
um irgendwohin zu kommen,
kannst Du den Weg
dorthin nicht geniessen.

Wenn Du voller Sorgen
durch den Tag hetzt,
dann ist das so,
als würdest Du ein ungeöffnetes Geschenk wegwerfen.

Das Leben ist kein Wettrennen.
Lass es langsamer angehen.
Höre die Musik,
bevor das Lied vorüber ist.

– David L. Weatherford –

Dein Ort ist
wo Augen dich ansehen.
Wo sich Augen treffen
entstehst du.

Von einem Ruf gehalten,
immer die gleiche Stimme,
es scheint nur eine zu geben
mit der alle rufen.

Du fielest,
aber du fällst nicht.
Augen fangen dich auf.

Es gibt dich
weil Augen dich wollen,
dich ansehen und sagen
daß es dich gibt.

 – Hilde Domin –

1. Ich gehe die Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren… Ich bin ohne Hoffnung
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos um wieder heraus zu kommen.

2. Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld
Immer noch dauert es sehr lange, heraus zu kommen.

3. Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein… aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort wieder heraus.

4. Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe drum herum.

5. Ich gehe eine andere Straße.

– Sogyal Rinpoche aus „Das tibetische Buch vom Leben und Sterben“ –

Es interessiert mich nicht, womit du dein Geld verdienst.
Ich will wissen, wonach du dich sehnst
und ob du die Erfüllung deines Herzenswunsches zu träumen wagst.

Es interessiert mich nicht wie alt du bist.
Ich will wissen ob du es riskierst, dich zum Narren zu machen,
auf der Suche nach Liebe, nach deinem Traum,
nach dem Abenteuer des Lebens.

Es interessiert mich nicht,
welche Planeten ein Quadrat zu Deinem Mond bilden.
Ich will wissen, ob du deinem Leid auf den Grund gegangen bist
und ob dich die Ungerechtigkeiten des Lebens geöffnet haben,
oder ob du dich klein machst und verschließt,
um dich vor Verletzungen zu schützen.

Ich will wissen ob du den Schmerz
– meinen oder deinen eigenen – ertragen kannst,
ohne ihn zu verstehen, zu bemänteln, oder zu lindern.

Ich will wissen, ob du Freude
– meine oder deine eigene – aushalten kannst,
dich hemmungslos dem Tanz hingeben
und jede Faser deines Körpers von Ekstase erbeben lassen kannst,
ohne an Vorsicht oder Vernunft zu appellieren
oder an die Begrenztheit des Menschseins zu denken.

Es interessiert mich nicht, ob das, was du erzählst, wahr ist.
Ich will wissen, ob du andere enttäuschen kannst,
um dir selber treu zu bleiben,
ob du den Vorwurf des Verrates ertragen kannst,
um deine eigene Seele nicht zu verraten,
ob du treulos sein kannst, um vertrauenswürdig zu bleiben.

Ich will wissen, ob die Schönheit des Alltäglichen erkennen kannst,
selbst wenn sie dir nicht immer angenehm ist
und ob ihre Allgegenwärtigkeit die Quelle ist,
aus der du die Kraft zum Leben schöpfst.

Ich will wissen, ob du mit Unzulänglichkeiten leben kannst
– meiner und deiner eigenen –
und immer noch am Seeufer stehst
und der silbrigen Scheibe des Vollmondes
ein uneingeschränktes „Ja!“ zurufst.

Es interessiert mich nicht, wo du wohnst, oder ob du reich bist.
Ich will wissen, ob du nach einer kummervoll durchwachten Nacht,
zermürbt und müde bis auf die Knochen, aufstehen kannst,
um das Notwendige zu tun, damit deine Kinder versorgt sind.

Es interessiert mich nicht, wen du kennst,
oder wie du hierher gekommen bist.
Ich will wissen, ob du inmitten des Feuers bei mir ausharren wirst,
ohne zurück zu weichen.

Es interessiert mich nicht,
wo oder was du mit wem studiert hast.
Ich will wissen, was dich von innen heraus trägt,
wenn alles andere wegbricht.

Ich will wissen, ob du mit dir selbst alleine sein kannst,
und ob du den, der dir in solch einsamen Momenten
deines Lebens Gesellschaft leistet, wirklich magst.

– Oriah Mountain Dreamer –

Es war einmal ein Bauer, der einen wunderschönen Hengst besaß.
Die Leute im Dorf sagten zu ihm:
„Welch ein Glück für dich!“
Doch der Bauer antwortete nur:
Wir werden sehen.

Eines Tages brach der Hengst aus,
und die Leute im Dorf sagten zum Bauer:
Welch ein Unglück für dich!
Wir werden sehen, antwortete der Bauer.

Der Hengst kehrte mit einem Dutzend wilder Pferde zurück,
und die Leute im Dorf johlten:
Oh, welch ein Glück für dich!
Wir werden sehen, war alles, was der Bauer darauf erwiderte.

Als der Sohn des Bauern sich anschickte, eines der Pferde zu zähmen,
warf es ihn ab, wobei er sich ein Bein brach.
Oh, nun kann er dir nicht mehr helfen bei der Arbeit.
Welch ein Unglück für dich!
Wir werden sehen, antwortete der Bauer ruhig.

Da kamen die Eintreiber des Zaren in das Dorf
und zogen alle gesunden jungen Männer ein,
damit sie in einem Krieg fern von der Heimat kämpfen.
Der Sohn des Bauern wurde allerdings verschont.
Er konnte daheim bleiben, weil sein Bein gebrochen war.
Oh, welch ein Glück für dich! , riefen die Dörfler.
Der Bauer gab gelassen zur Antwort:
Wir werden sehen.

– Chinesisches Märchen –

Eines Tages kam ein Bekannter zum griechischen Philosophen Sokrates gelaufen.

„Höre, Sokrates, ich muss dir berichten, wie dein Freund….“

„Halt ein“ unterbrach ihn der Philosoph.

„Hast du das, was du mir sagen willst, durch drei Siebe gesiebt?“

„Drei Siebe? Welche?“ fragte der andere verwundert.

„Ja! Drei Siebe! Das erste ist das Sieb der Wahrheit. Hast du das, was du mir berichten willst, geprüft ob es auch wahr ist?“

„Nein, ich hörte es erzählen, und…“

„Nun, so hast du sicher mit dem zweiten Sieb, dem Sieb der Güte, geprüft. Ist das, was du mir erzählen willst – wenn es schon nicht wahr ist – wenigstens gut?“

Der andere zögerte. „Nein, das ist es eigentlich nicht. Im Gegenteil…..“

„Nun“, unterbrach ihn Sokrates. „so wollen wir noch das dritte Sieb nehmen und uns fragen ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so zu erregen scheint.“

„Notwendig gerade nicht….“

„Also“, lächelte der Weise, „wenn das, was du mir eben sagen wolltest, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste weder dich noch mich damit.“

– Verfasser unbekannt –

Ein alter Indianer erzählt seinem Enkel:

In meiner Brust kämpfen zwei Wölfe:
„Einer ist der Wolf der
Dunkelheit, der Angst, des Misstrauens, der
Verzweiflung und des Neides.

Der andere ist der Wolf
des Lichtes, der Liebe, der Lust, des
Vertrauens
und der Lebensfreude.“

Fragt der Enkel:
„Und welcher der beiden wird
gewinnen?“

Der alte Indianer antwortet:
„Der, den ich füttere…..“

– Verfasser unbekannt –

Das Leben gibt uns immer genau den Lehrer,
den wir in jedem Moment brauchen.
Dazu gehören jede Mücke,
jedes Unglück,
jede rote Ampel,
jeder Stau,
jeder widerwärtige Vorgesetzte (oder Angestellte),
jede Krankheit, jeder Verlust,
jeder Moment der Freude oder Depression,
jede Sucht,
j
edes Stück Müll,
jeder Atemzug.

Jeder Moment ist der Guru.

– Charlotte Joko Beck –